Impulsvortrag im Rahmen der “Sommerliebe Sommerfrische” der Liebemacherei, September 2026
von Anne Brandt
Eros und Thanatos. Wir ließen sie heute als zwei Figuren auftreten. Das war eine bewusste Vereinfachung. Aber eine reizvolle.
Denn Eros und Thanatos bilden kein einziges, über Jahrtausende gleich gebliebenes Konzept. Mythologie, Philosophie, Kunst und Psychoanalyse haben ihnen unterschiedliche Bedeutungen gegeben.
Manchmal erscheinen sie als Gegenspieler. Eros verbindet, Thanatos trennt. Eros bringt hervor, Thanatos beendet. Eros begehrt, Thanatos schweigt.
Aber bei genauerem Hinsehen sind sie keine Feinde. Eher zwei Kräfte, zwischen denen sich menschliches Leben bewegt. Im besten Fall tanzt es zwischen ihnen.
Die Frage nach diesem Tanz ist alt.
Im Gilgamesch-Epos von etwa 1800 v. Chr., einem der frühesten literarischen Werke überhaupt, erschüttert der Tod seines geliebten Gefährten Enkidu Gilgamesch zutiefst. Denn plötzlich erkennt er im Tod des anderen den eigenen. Was Enkidu widerfahren ist, wird auch ihm geschehen.
Gilgamesch macht sich auf die Suche nach Unsterblichkeit. Er will dem Tod entkommen, den er gerade erst wirklich begriffen hat. Doch seine Reise führt ihn zu einer anderen Erkenntnis: Dem Menschen ist kein Leben ohne Ende gegeben.
Und damit taucht ein Gedanke auf, der uns durch die nächsten Jahrtausende begleiten wird: Das Wissen um das Ende bedroht das Leben nicht nur. Es kann ihm auch Intensität verleihen, macht es umso kostbarer.
Seit Menschen Geschichten aufschreiben, denken sie also über Liebe, Vergänglichkeit und Begehren nach. Auch wir, hier, an diesem Wochenende. Wir haben uns für ein paar Tage aus dem Alltag zurückgezogen, um dem Ende des Sommers zu huldigen und miteinander zu tanzen. Nicht, um den Sommer für die Ewigkeit zu konservieren, sondern in der Gewissheit seiner wie auch unserer Endlichkeit.
Eros: Die pulsierende Dunkelheit
Bei Hesiod, einem griechischen Dichter, der um 700 v. Chr. lebte, ist Eros noch kein niedlicher Liebesgott mit Pfeil und Bogen, als Begleiter und Sohn der Liebesgöttin Aphrodite.
Er ist eine kosmische Urkraft. Er entsteht am Anfang der Welt und bringt Verschiedenes zueinander. Er ermöglicht Verbindung, Zeugung und neues Leben. Dieser ursprüngliche Eros ist nicht hell, romantisch und putzig. Er kann uns überwältigen, unsere vernünftigen Pläne durchkreuzen, uns empfänglich machen für etwas, das wir nicht vollständig kontrollieren können.
Dargestellt wird Eros in dieser Zeit als schöner Jüngling, mit Peitsche, Netz oder Sandale. Er treibt, fängt und überwältigt, eine erstaunlich dunkle Bildsprache für die Macht des Begehrens.
Der Poet Octavio Paz, auf den ich später noch zurückkommen werde, nannte Eros „die pulsierende Dunkelheit, die Psyche umgibt“.
Schöpferisch. Aber nicht harmlos.
Bei den alten Griechen wird jedoch noch etwas Interessantes sichtbar: Begehren hat viele Gestalten. So verkörpern Eros, Himeros und Pothos, drei jugendliche Götter aus dem Kreis der geflügelten Eroten, verschiedene Facetten des Verlangens.
Himeros steht für das Verlangen nach dem, was gegenwärtig ist. Pothos für die Sehnsucht nach dem, was abwesend oder unerreichbar ist.
Begehren kann sich also an dem entzünden, was unmittelbar vor uns liegt, an der Verlockung der Nähe. Aber ebenso an dem, was fehlt oder unerreichbar bleibt, am Sog aus der Ferne.
Auch Thanatos ist nicht einfach das Böse. Er ist der Sohn der Nacht, der Göttin Nyx, und Zwillingsbruder des Schlafes, Hypnos. Er verkörpert den stillen, friedlichen Tod. In manchen Darstellungen trägt er eine umgekehrte Fackel, deren Flamme langsam erlischt.
Verbindung und Trennung
Der Philosoph Empedokles beschreibt um 450 v. Chr. die Welt in einem Wechselspiel von zwei kosmischen Kräften: Liebe und Streit. Die Liebe verbindet, der Streit trennt.
Entscheidend ist dabei: Verbindung ist nicht einfach gut und Trennung nicht einfach schlecht. Eine Welt völliger Verschmelzung besäße keine Verschiedenheit mehr. Eine Welt völliger Trennung könnte keine lebendigen Formen hervorbringen.
Später in der hellenistischen Dichtung wird Eros gar als Sohn der Liebesgöttin Aphrodite und des Kriegsgottes Ares dargestellt. Ein interessantes, poetisches Bild: Liebe und Streit tragen Eros zwischen sich.
Damit verändert sich unser Bild von Eros bereits. Es geht nicht mehr einfach darum, dass die verbindenden Kräfte über die trennenden siegen. Lebendigkeit braucht beides: Bindung und Loslösung.
Eros und Thanatos. Wie einatmen und ausatmen.
Transzendenz der Liebe
Im Symposion lässt Platon etwa 400 v. Chr. die weise Priesterin Diotima einen interessanten Gedanken entwickeln. Ihr Eros ist kein vollkommener Gott. Sie nennt ihn einen Daimon, ein Zwischenwesen. Zwischen Schönheit und Hässlichkeit. Zwischen Wissen und Unwissenheit. Zwischen Haben und Entbehren.
Eros lebt im Dazwischen.
Er weiß um das Schöne, ohne vollkommen darüber verfügen zu können. Er nimmt einen Mangel wahr und entwickelt daraus Bewegung, Fantasie, Einfallsreichtum.
Deshalb ist Eros für Diotima ein Philosoph im ursprünglichen Sinn: ein Liebhaber der Weisheit. Nicht weise, aber auch nicht vollkommen unwissend. Er weiß genug, um zu erkennen, dass ihm etwas fehlt. Dieses Wissen hält ihn in Bewegung.
Ein Gedanke, der damit verbunden ist, ist auch für uns moderne Liebeswesen spannend: Wenn wir einen anderen Menschen begehren, begehren wir oftmals nicht allein den Menschen an sich. Wir begehren eine Möglichkeit, die in seiner Nähe aufscheint. Eine andere Art zu fühlen. Zu leben. Uns selbst zu erfahren.
In einer früheren Rede des Symposions erzählt Aristophanes von den Kugelmenschen. Einst vollkommen, wurden sie geteilt und suchen seitdem ihre verlorene Hälfte. Liebe als Sehnsucht nach Wiedervereinigung.
Ein verführerisches Bild. Und doch bleibt jede wirkliche Liebeserfahrung ambivalent. Zwei Menschen können sich berühren, ineinander eindringen, sich für einen Moment wie eins erleben. Sie bleiben dennoch zwei.
Das Begehren lebt gerade davon, dass diese Trennung niemals vollkommen überwunden werden kann.
Der bekannteste Teil von Diotimas Rede ist ihre sogenannte Stufenleiter: Von der Liebe zu einem einzelnen schönen Körper führt der Weg über die Liebe zu anderen schönen Körpern, zu schönen Seelen, Handlungen und Formen des Zusammenlebens, und schließlich zur Idee des vollkommen Schönen selbst.
Auch darin steckt eine Antwort auf unsere Vergänglichkeit. Menschen begehren Schönheit, Liebe und Erkenntnis und werden schöpferisch, gerade weil sie selbst vergänglich sind. Sie zeugen Kinder, schaffen Kunstwerke, erzählen Geschichten und hinterlassen Erinnerungen.
Ein einzelner Körper kann der Anfang einer Bewegung sein, die weit über ihn hinausführt. Hier leuchtet die Idee von grenzenloser Liebe auf. Eros als treibende Kraft der Liebe.
Das Dekameron
Im 14. Jahrhundert findet Giovanni Boccaccio dafür wunderbare Bilder.
Im Dekameron fliehen sieben junge Frauen und drei junge Männer 1348 aus dem von der Pest verwüsteten Florenz auf ein Landgut. Zunächst retten sie ihr bloßes Leben. Doch dann beginnen sie, miteinander eine Kultur des guten Lebens zu schaffen. Sie erzählen sich tragische, komische und ziemlich erotische Liebesgeschichten, gehen spazieren, speisen miteinander, musizieren, singen, tanzen und vergnügen sich natürlich auch sexuell miteinander.
Sie verleugnen den Tod nicht. Er bleibt als unsichtbarer Hintergrund anwesend. Aber sie überlassen ihm nicht die gesamte Wirklichkeit.
Gegen das Sterben setzen sie Fantasie, Geselligkeit, Schönheit und Erotik.
Das Dekameron zeigt damit etwas, das für unser Thema zentral ist: Was die jungen Menschen tun, ist nicht bloß Zerstreuung vor der Katastrophe um sich herum zu suchen. Sie versuchen, in der Nähe des Todes eine Form zu finden, um miteinander lebendig zu bleiben.
Vanitas, Memento mori, Carpe diem
Besonders sichtbar wird diese Haltung in der Kunst des Barock 300 Jahre später.
Stillleben dieser Zeit zeigen reife Früchte, kostbare Stoffe, schöne Blüten, anmutige Körper. Daneben liegen Totenschädel, Sanduhren, erloschene Kerzen, bereits faulendes Obst.
Vanitas: die Vergänglichkeit des Irdischen.
Memento mori: Bedenke, dass du sterben wirst.
Carpe diem: Nutze den Tag.
Die Frucht ist verführerisch, weil sie reif ist. Und weil sie nicht lange reif bleiben wird. Die Blüte ist schön, obwohl sie verwelkt. Auch, weil sie verwelken wird.
Memento mori ist kein nihilistischer Ausspruch. Es ist eine Einladung zur Aufmerksamkeit: Schau hin. Wähle bewusst. Spüre, was dir wirklich etwas bedeutet.
Nicht jede Möglichkeit muss gelebt werden. Aber Endlichkeit macht es unmöglich, alle Entscheidungen unendlich aufzuschieben.
Ein Musikinstrument im barocken Vanitasgemälde erinnert nicht nur daran, dass sein Klang vergeht. Es erinnert ebenso daran, dass es gespielt werden möchte.
Triebbewegungen
1912 veröffentlicht die Psychoanalytikerin Sabina Spielrein ihren Aufsatz „Die Destruktion als Ursache des Werdens“. Sie beschreibt darin sexuelle Vereinigung nicht nur als Lust und Verbindung. In Begegnung und Hingabe kann auch unsere bisherige Form des Selbst ins Wanken geraten. Eine alte Form verliert ihre Selbstverständlichkeit, löst sich auf und lässt etwas Neues entstehen.
Nicht jeder Schmerz ist schöpferisch. Nicht jeder Verlust besitzt einen tieferen Sinn. Aber Eros geht auch mit Veränderung einher.
Sigmund Freud entwickelte später, durch seine Schülerin Spielrein inspiriert, seine Vorstellung zweier Triebbewegungen in uns Menschen. Eros sucht die Verbindung und bildet immer größere Einheiten. Er wirkt in Sexualität, Selbsterhaltung, Beziehung und Fortpflanzung. Der Todestrieb dagegen löst Bindungen und strebt nach Abbau von Spannung und Komplexität.
Freud dachte diese Kräfte als grundlegende Prinzipien des Lebendigen. Aus heutiger wissenschaftlicher Sicht lässt sich das empirisch nicht belegen. Als Denkfigur besitzt die Idee jedoch eine eigentümliche Kraft. Denn sie führt uns zu etwas zurück, das uns inzwischen mehrfach begegnet ist: Leben bedeutet nicht nur Bindung. Manches muss sich auch erst lösen, seine bisherige Form verlieren, damit Bewegung und Verwandlung möglich werden.
Die Erotik
Aus dem altgriechischen Wort érōs entwickelte sich später das Wort Erotik.
Für Lou Andreas-Salomé, Künstlerin und Psychoanalytikerin, ist die Erotik weder bloßer Trieb noch reines Gefühl. In ihr begegnen sich Körper, Fantasie, seelisches Erleben und Beziehung. Sie steht für eine Totalergriffenheit im Moment.
Darüber denkt sie in ihrem Essay „Die Erotik“ nach.
Einen anderen Menschen zu begehren, gestaltet nicht nur unser Verhältnis zu ihm. Durch ihn kann plötzlich die ganze Welt eine andere Farbe bekommen. Ein gewöhnlicher Ort wird zum Schauplatz einer Erwartung. Ein Kleid erhält Bedeutung. Eine Berührung bleibt im Körper gegenwärtig, lange nachdem sie geendet ist.
Andreas-Salomé beschreibt solche intensiven erotischen Zustände als kurzlebig und gerade deshalb als von tiefer Ewigkeit umgeben.
Als das Vergänglich-Ewigste.
Der Augenblick vergeht. Aber während wir ihn erleben, scheint er aus der gewöhnlichen Zeit herauszufallen.
Und Andreas-Salomé fügt diesem Gedanken eine interessante Zumutung hinzu: Jede Verwirklichung einer erotischen Fantasie ist auch eine Art Sterbeakt.
Solange etwas nur vorgestellt wird, kann es vollkommen bleiben. Der ersehnte Kuss schmeckt in der Fantasie immer grandios. Die sakrale Liebesnacht kennt kein profanes Danach.
Wird die Fantasie Wirklichkeit, stirbt diese vollkommene Möglichkeit.
Dafür entsteht etwas anderes: Erfahrung.
Die doppelte Flamme
Hier können wir nun zu Octavio Paz zurückkehren.
Paz unterscheidet Sexualität, Erotik und Liebe. Sexualität ist für ihn das ursprüngliche Feuer. Erotik ist die durch Fantasie und Kultur gestaltete Sexualität. Liebe bedeutet schließlich, dass dieses Begehren einem bestimmten, einzigartigen Menschen gilt.
Bei Paz wird nun der alte Gedanke von Verbindung und Trennung körperlicher.
In der Umarmung und sexuellen Vereinigung kann sich die Gestalt des geliebten Menschen für einen Moment in pure Empfindungen auflösen: Wir spüren Wärme, Druck, Haut, Atem.
Wenn die Umarmung sich löst, nehmen wir uns wieder als zwei getrennte Körper wahr.
Doch nur auf diese Weise kann das Begehren weiterleben. Gerade diese Rückkehr der Fremdheit hält das Begehren lebendig.
Ohne Abstand gibt es kein Gegenüber. Ohne Gegenüber kein Begehren.
Er trifft sich gedanklich mit Andreas-Salomé, wenn er schreibt: „Liebe ist Intensität, und eben deshalb ist sie Dehnung der Zeit.“ Im Kontinuum von Leben und Tod kann sich ein Augenblick zwischen zwei Liebenden wie eine gefühlte Ewigkeit anfühlen. Dabei bilden Liebe und Erotik zusammen die doppelte Flamme, die unsere Lebendigkeit bewahrt.
Sexistenz
Der Philosoph Jean-Luc Nancy führt diesen Gedanken quasi weiter und gewissermaßen in den Körper hinein.
Für ihn zeigt sich im Sex etwas Grundsätzliches über unsere Existenz. Der Erotik ist ein besonderer Rhythmus immanent: Annäherung und Abstand. Öffnung und Schließung. Spannung und Entspannung. Hingabe und Rückkehr zu sich.
Beziehung geschieht in und durch diesen Rhythmus. Beide Kräfte sind im Beziehungsgeschehen unmittelbar anwesend.
Nancy erinnert zugleich daran, dass Erotik keineswegs immer erhaben und geheimnisvoll ist. Körper können ihre Fassung verlieren. Bewegungen können ungeschickt sein. Geräusche entstehen. Erregung kann im unpassenden Moment nachlassen. Das Obszöne taucht dort auf, wo gerade noch große romantische Gefühle herrschten.
Erotik kann jederzeit vom Erhabenen ins Lächerliche kippen.
Das Komische entwertet sie jedoch nicht. Es bewahrt sie davor, zu einem vollkommenen Idealbild zu erstarren.
Wir sind Menschen, keine Götter. Und unsere Körper bleiben eigensinnig.
Das gute Leben versus das bloße Leben
Der Philosoph Byung-Chul Han verschiebt die Frage noch einmal. Für ihn bedeutet Eros die Hinwendung zu einem anderen Menschen, der sich niemals vollständig verstehen, verfügbar machen oder konsumieren lässt.
Seine Kritik gilt einer Welt, in der wir vor allem dem begegnen, was zu uns passt und uns bestätigt. Wo das Gegenüber nur noch als Spiegel des eigenen Selbst dient, verschwindet seine Andersheit. Han nennt das die „Hölle des Gleichen“.
In diesem Zusammenhang greift er eine Diagnose Eva Illouz’ auf: Romantische Liebe werde zunehmend mit Eigenschaften verbunden, die traditionell als weiblich gelten: süß, sanft, ruhig, angenehm, harmonisch.
Diese geschlechtliche Zuordnung ist selbst fragwürdig. Interessant bleibt jedoch die dahinterliegende Beobachtung: Aus der Liebe werden gerade jene Erfahrungen entfernt, die sie unberechenbar machen. Risiko, Wagnis und Exzess verschwinden. Übrig bleibt eine Beziehung, die sich gut anfühlen, Sicherheit bieten und das eigene Selbst möglichst wenig erschüttern soll.
Han spricht von der Vermeidung des Negativen. Damit meint er nicht Gewalt, Erniedrigung oder die Missachtung persönlicher Grenzen. Gemeint ist die Erfahrung, dass der andere wirklich anders ist. Dass er sich nicht restlos verstehen, bestätigen oder nahtlos in die eigene Lebensplanung einfügen lässt.
Ein Gegenüber kann widersprechen. Sich entziehen. Uns überraschen. Uns verändern.
Nicht jede Grenzverletzung ist deshalb ein Wagnis der Liebe. Nicht jedes Drama leidenschaftlicher Eros. Hingabe bleibt eine Einladung, kein Gebot.
Aber wirkliche Begegnung mit einem Anderen enthält ein Risiko: Ich kann vorher nicht wissen, wer ich danach sein werde. Ob mich die Begegnung in bestimmter Weise verwandeln wird.
Han unterscheidet außerdem zwischen dem bloßen und dem guten Leben. Das bloße Leben ist auf Sicherheit, Gesundheit, Funktionieren und Überleben ausgerichtet. Das gute Leben fragt: Wofür lohnt es sich zu leben?
Eine Berührung, ein Fest, ein Nachmittag im Gras, ein Gedicht oder eine Liebesnacht müssen nicht produktiv sein. Ihr Wert besteht einzig darin, erlebt und genossen zu werden.
Eros besitzt in diesem Sinne sogar eine kleine punkige Dimension. Er entzieht sich der kapitalistischen Logik von Nutzen, Leistung und Optimierung.
Im besten Falle besitzt auch diese Sommerfrische diese kleine widerständige Kraft: Für eine Weile nicht am eigenen Leben zu arbeiten, sondern sich von ihm berühren zu lassen.
Die zweite Welt
Erotischer Genuss entsteht nicht nur aus einem inneren Gefühl. Wir brauchen dafür Formen, Gesten, Rituale und Inszenierungen, sagt der Philosoph Robert Pfaller.
Ein Fest beginnt nicht erst, wenn wir uns festlich fühlen. Oft entsteht das festliche Gefühl gerade dadurch, dass wir uns besonders und anders kleiden, einen Tisch schön decken, Kerzen anzünden.
Neben der Welt des Alltags schaffen Menschen eine zweite Welt, in der andere Regeln gelten. Karneval. Rauschhafte Partys. Ein Besuch im Kitkat. Ein Banchetto in weißen Gewändern. Wir wissen, dass es ein Spiel ist. Und gerade deshalb können wir uns ihm hingeben.
Diese zweite Welt ist kein bloßer Eskapismus. Sie kann uns ermöglichen, Seiten von uns zu erleben, für die im Alltag wenig Platz ist.
Manchmal braucht auch unsere Erotik ein bestimmtes Gewand, eine besondere Geste, elektrisierende Musik oder eine Bühne, um überhaupt wahrnehmbar zu werden.
Auch die Sommerfrische Sommerliebe der Liebemacherei ist eine solche zweite Welt.
Dem Eros eine Gestalt geben
Charles Baudelaire beschreibt die Moderne als das Flüchtige, Vorübergehende, Zufällige. Kunst besteht für ihn nicht darin, diesem Flüchtigen zu entkommen. Sie soll dem Augenblick eine Gestalt geben.
Das ist etwas anderes, als den Augenblick festzuhalten.
Einer Erfahrung eine Gestalt zu geben bedeutet, etwas Flüchtiges sichtbar werden zu lassen, ohne den Anspruch, es müsse für immer so bleiben.
Arthur Rimbauds Satz „Ich ist ein anderer“ führt diesen Gedanken weiter. Das Ich ist keine vollkommen geschlossene Einheit. Manchmal begegnen wir uns selbst als jemandem, den wir noch nicht kennen.
Und genau hier eröffnet die zweite Welt eine interessante Option: Sie erlaubt uns, für eine begrenzte Zeit eine andere Gestalt anzunehmen, ohne sie gleich Teil unserer Identität werden zu lassen.
Die Künstlerin Audre Lorde unterscheidet in „Uses of the Erotic: The Erotic as Power“ Erotik von Pornografie. Pornografie trennt für sie Empfindung und Beziehung voneinander und macht den Körper zum Gegenstand, zum bloßen Objekt. Lorde sagt, das Erotische beginnt dort, wo wir tatsächlich wahrnehmen, was uns bewegt.
Entscheidend ist nicht, wie viel Haut sichtbar wird. Entscheidend ist, ob die Gestalt eine eigene Empfindung trägt.
Die Frage sollte daher weniger lauten: Wie möchte ich gesehen werden?
Sondern: Welche Gestalt gibt meinem Begehren gerade Raum?
Welche Gestalt möchte deine Erotik an diesem Wochenende annehmen?
Was die aktuelle Forschung dazu sagen kann
Nach all diesen mythologischen, philosophischen und psychoanalytischen Bildern können wir die Frage noch einmal nüchterner stellen: Verändert das Wissen um unsere Endlichkeit etwas daran, wie wir leben?
Nach der Theorie der sozioemotionalen Selektivität gewinnen emotional bedeutsame Beziehungen an Gewicht, wenn Menschen ihre verbleibende Zeit als begrenzt wahrnehmen. Das betrifft nicht nur das Alter. Auch Abschiede, Übergänge oder letzte gemeinsame Tage können unsere Wahrnehmung von Leben verändern und intensivieren.
Endlichkeit macht allerdings nicht automatisch mutig oder lustvoll. Manche Menschen suchen Nähe, andere ziehen sich zurück.
Es gibt keinen erotischen Imperativ, jede mögliche, schöne Begegnung zu forcieren.
Die interessantere Frage lautet vielmehr: Was ist mir wirklich, wirklich wichtig, wenn nicht alles in meinem Leben möglich ist?
Die Psychologin Anne Ancelin Schützenberger hatte darauf eine denkbar einfache Antwort. Ihr Rezept für ein gutes Leben: vier kleine Freuden am Tag.
Denn große Ereignisse und Feste sind selten. Kleine Freuden dagegen sind jeden Tag zu finden. Eine Tasse guter Kaffee. Der betörende Duft einer Blume. Ein warmherziges Lächeln. Ein Sonnenstrahl.
Vielleicht ist das etwas, das ihr in eure Notizbücher aufnehmen mögt, in den Stunden, die vor uns liegen. Nicht nur, wohin eure Sehnsucht euch lockt. Sondern auch: Was hat mich heute im Kleinen berührt?
Denn beides steht für die Liebkosungen des Eros: das große Fest ebenso wie die kleine Lust am Dasein.
Schluss: Punkt, Komma, Metamorphose
Der antike römische Dichter Ovid erzählt in seinen Metamorphosen von Philemon und Baucis, einem alten Paar. Sie nehmen zwei fremde Wanderer bei sich auf, ohne zu wissen, dass es die Götter Jupiter und Merkur sind.
Als ihnen ein Wunsch gewährt wird, bitten sie nicht um Unsterblichkeit. Sie möchten gemeinsam alt werden und zur selben Stunde sterben, damit keiner den Tod des anderen erleben muss.
Als ihre Zeit kommt, verwandeln sie sich.
Philemon wird zur Eiche, Baucis zur Linde. Noch während die Rinde ihre Körper umschließt, nehmen sie voneinander Abschied.
Das Wunder liegt nicht darin, dass sie den Tod besiegen.
Sie bleiben nicht ewig dieselben.
Sie überlassen sich dem Lauf der Zeit und verwandeln sich mit ihm.
Nicht Unsterblichkeit. Sondern Metamorphose.
Naturwissenschaftlich erhält dieses alte Bild eine überraschende Aktualität. Der Wasserstoff in unserem Körper stammt überwiegend aus dem frühen Universum. Kohlenstoff, Sauerstoff, Kalzium und Eisen entstanden im Inneren früherer Sterne und wurden durch deren Verlöschen, durch Supernova-Explosionen im Weltraum verteilt.
Wir bestehen tatsächlich aus Stoffen ferner Sterne, die vor Milliarden Jahren verglühten. Was für eine unglaublich faszinierende und schöne Vorstellung, oder?
Wenn ein Mensch stirbt, endet wahrscheinlich sein Bewusstsein und damit seine individuelle Gestalt. Seine Materie aber verschwindet nicht. Sie wird neu gebunden und tritt in andere Kreisläufe ein.
Und nicht nur Stoffe fließen weiter.
Auch etwas von dem, was ein Mensch in die Welt gebracht hat, kann in Geschichten und Handlungen fortwirken. Erinnerungen. Berührungen. Worte. Ein Kind. Ein Kunstwerk. Ein Mut, den jemand vorher nicht besaß.
Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei …
Jede einzelne Geschichte endet.
Eine Sommerliebe endet.
Memento mori bedeutet auch: Bedenke, dass du diese eine Gestalt nicht für immer behalten wirst.
Der Sommer endet. Diese Tage enden. Wir werden wieder auseinandergehen.
Doch was zwischen uns wahrgenommen, erzählt oder geschaffen wurde, kann in andere Formen eingehen.
Thanatos setzt den Punkt hinter eine Gestalt.
Eros zaubert daraus ein Komma.
Wo gehen wir denn hin? – Immer nach Hause, immer nach Hause. (Novalis)

